CAP Chancen – Arbeit – Perspektiven

Das Integrationsunternehmen „CAP-Rotach“ – Ein Gemeinschaftsprojekt der „Körperbehindertenförderung Neckar-Alb e. V.“ und des „Verein für sozialpädagogisches Segeln e. V.“

Mit knapp 100 Stellplätzen gehört der Campingplatz CAP-Rotach in Friedrichshafen zu den kleinsten Campingplätzen am Bodensee. Doch als die Anlage im Frühjahr 2003 neu eröffnet wurde, berichtete sogar die Frankfurter Rund­schau darüber. Mit gutem Grund: Die Ferienanlage am Bodensee ist nicht nur vorbildlich barriere­frei ausgestattet und ermöglicht es dadurch Menschen mit zum Teil schweren Behin­derungen, Campingurlaub zu machen. Die CAP bietet behin­derten Menschen darüber hi­naus auch neue berufliche Chancen und Perspektiven. Auf dem kleinen Camping­platz wurden nämlich neue Arbeitsplätze für schwer be­hinderte und langzeitarbeitslose Menschen geschaffen.

Neun der sechzehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von CAP-Rotach sind anerkannt schwerbehindert, die meisten waren zuvor schon längere Zeit arbeitslos oder arbeiteten in Behindertenwerkstätten. Sie alle haben durch CAP den Einstieg in den ersten Ar­beitsmarkt geschafft und ar­beiten jetzt in allen Bereichen des Unternehmens: in der Rezeption, als Platzpfleger, in Küche und Service des Restaurants oder im neuen Pensionsbetrieb.

Möglich wurde dies durch eine Novellierung des Schwerbehindertengesetzes, die die rechtlichen Voraussetzungen zur Gründung von Integrationsunternehmen geschaf­fen und die Fördermöglich­keiten verbessert hat. Seither wurden in Deutschland zahl­reiche Integrationsunterneh­men gegründet - CAP ist die erste und bislang einzige Ferienanlage in Deutsch­land mit sozialintegrativem Charakter, die in dieser Unternehmensform betrieben wird.

„Nun sollen die bestmöglichen Voraussetzungen geschaffen werden, damit auch Menschen mit Behinderungen ihren Urlaub auf einem Campingplatz verbringen können“ lautet eines der Ziele des ehrgeizigen Projekts. Dass Campingurlaub auch für Menschen mit Handicap eine geeignete Urlaubsform sein kann, war bereits bei der Planung des Integrationsunternehmens klar: seit nunmehr 25 Jahren veranstaltet der „Verein für sozialpädagogisches Segeln e.V.“ (VSS) Segeltörns mit schwer behinderten Men­schen und dabei wird überwiegend auf öffentlichen Campingplätzen übernachtet. Die integrativen Erfahrungen waren hervorragend: Selbst Menschen mit schweren Behinderungen konnten auf dem Wasser und auf dem Campingplatz am alltäglichen Urlaubsleben teilhaben, sofern die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür gegeben waren. Für viele Teilnehmer/innen war dies eine neue und sehr ermutigende Erfahrung. Doch behindertengerecht ausgestattete Plätze sind noch keine Selbstverständlichkeit und so wurde die Idee, mit einem eigenen Platz diese Lücke zu schließen und attraktive Freizeit-, Urlaubs- und zugleich Arbeitsmöglich­keiten zu schaffen, in einer Planungsgruppe des VSS entwickelt und ab 2002 in die Tat um­gesetzt.

Ein betriebswirtschaftliches Gutachten bescheinigte dem Projekt gute Geschäftsaus­sichten, dennoch erwies es sich für einen vergleichsweise kleinen Verein wie den VSS alleine als zu groß und risikoreich. Daher gründeten die „Körperbehindertenförderung Neckar-Alb e.V.“ (KBF), ein namhafter Träger der Behindertenhilfe, der schon seit vielen Jahren an erlebnispädagogischen Segelfreizeiten des VSS teilnimmt und der „Verein für sozialpädagogisches Segeln e.V.“ die „CAP - Gemeinnützige Integrations-GmbH“, um so als Gemeinschaftsprojekt den Traum von der integrativen, bar­rierefreien Freizeitanlage zu verwirklichen. Im Dezember 2002 konnte dann ein geeigneter Campingplatz in Friedrichshafen erworben werden.

Die Lage ist ideal. Der Campingplatz liegt am östlichen Stadtrand von Friedrichshafen am Ufer des Bodensees. Das Naturschutzge­biet „Eriskircher Ried“ grenzt direkt an den Platz. Innen­stadt und Fährhafen von Friedrichshafen sind nur knapp 1 km entfernt und über den Uferweg barrierefrei zu erreichen. Vom Fährhafen aus fahren behindertengerechte Schiffe nach Lindau, Bregenz, Romanshorn, zur bekannten Blumeninsel Mainau und nach Konstanz.

Dass der Campingplatz über eine Gaststätte verfügte ist ein weiteres Plus. Denn wie alle am See gele­genen Plätze muss auch CAP-Rotach während der Wintermo­nate schließen; die Gaststätte wird hingegen ganzjährig be­trieben und sichert so die Arbeitsplätze der Mitarbeiter/innen auch im Winterhalbjahr. Der Zustand des Platzes war jedoch alles andere als op­timal: Die Vorbesitzer hatten jahrelang kaum mehr in die Anlage investiert, die Platzausstattung und die Sanitärgebäude waren somit völlig veraltet. Im Frühjahr 2003 wur­de der Campingplatz dann zunächst notdürf­tig behindertengerecht saniert. Gäste und Betreiber mussten nun in der Saison 2003 noch mit der alten Bau­substanz zurecht kommen. Ein Zustand, der sich glücklicherweise bald ändern sollte!

Dank des finanziellen Engagements der KBF, öffentlicher Fördermittel und bedeutender Spenden konnte dann ab Oktober 2003 mit den umfangreichen Erweiterungs- und Sanierungsarbeiten begonnen werden. Die Strom- und Wasserversor­gung wurde komplett erneuert, die Wege neu angelegt. Vor allem aber konnte das bestehende Gaststättengebäude um einen Anbau mit rund 750 qm Nutzfläche erweitert werden. Im Erdgeschoss dieses Neu­baus befinden sich nun die Re­zeption, behindertengerechte Sanitäranlagen sowie weitere Versorgungsräume. Im Obergeschoss ste­hen zehn Einzel- und Doppel­zimmer sowie ein Aufenthaltsraum mit Kochgelegenheit zur Verfügung. Im Dachgeschoss werden noch fünf weitere Zimmer eingerichtet. Alle Zimmer wer­den bevorzugt an pflegebedürftige Menschen und ihre Angehörigen ver­mietet, aber auch bei nicht behinderten Urlaubsgästen und Messebesuchern sind die see- und zentrumsnah gelegenen Zimmer sehr beliebt. Rund 1,4 Mio. Euro wurden bislang in den Anbau und die barrierefreie Platzgestaltung der Anlage investiert.

In CAP-Rotach sorgt nun ein Aufzug dafür, dass gehbehinderte Gäste die Zimmer im Oberge­schoss auch ohne fremde Hilfe problemlos erreichen können. Rund 60.000 Euro kostete die Fahrstuhlanlage, die die Stadt Friedrichshafen aus Stiftungsmitteln dem Integrationsunternehmen als Willkommensgruß gespendet hat; weitere 40.000 Euro mussten für drei etwa 15 m lange Roll­stuhlrampen investiert werden, die den Gästen einen unge­hinderten Zugang zum Restaurant ermöglichen. Doch die Investitionen haben sich gelohnt. Viele Freizeitgruppen, oft auch aus Behinderteneinrichtungen, verbringen nun ihre Ferien in CAP-Rotach und genießen die vielfältigen Urlaubsmöglichkeiten der Bodenseeregion. Dafür stehen ihnen im Sommer auch noch fünf voll ausgestattete Gruppenzelte mit bis zu zwölf Schlafplätzen zur Verfügung. Auch Rollstuhlfahrer kommen mit dieser Einrichtung gut zurecht. Doch auch für nicht be­hinderte Campinggäste ohne eigene Ausrüstung oder für Radtouristen mit wenig Ge­päck sind die mit einer klei­nen Küche und einem Auf­enthaltsbereich ausgestatte­ten Zelte eine günstige und zugleich attraktive Übernachtungsmöglichkeit.

Negative Reaktionen von Urlaubern gegenüber Gästen und Mitar­beitern mit einer Behinderung gab es bislang nicht. Lediglich einige alteingesessene Dauercam­per waren zunächst etwas skep­tisch, was nach der Platzübernahme durch die CAP nun Neues auf sie zukommen würde. Doch diese anfänglichen Vorbehalte haben sich schnell ge­legt, denn der alltägliche Kontakt bewirkt, dass Unsicherheiten im Umgang miteinander schwinden. Auch dies ist ein Aspekt von gelingender Integration in CAP-Rotach.

„Behinderungen aller Art sind ein Be­standteil des gesellschaftlichen Lebens. Wer unseren Platz be­tritt, akzeptiert das. Wer damit nicht zurecht kommen kann oder will, bleibt eben weg“ beschreibt der Geschäftsführer und Sozialpädagoge Heiner Bauer eine Leitlinie von CAP-Rotach. Doch bei den allermeisten Gästen kommt das Angebot gut an: In der ersten Saison 2003, noch vor der umfangreichen Sanierung, konnten rund 18.000 Übernachtungen verzeichnet werden. Die Gaststätte wird nicht nur von den Campinggästen, sondern auch von vielen Bür­gern der Stadt gerne genutzt. Und so fällt die Bilanz bislang entschieden positiv aus. Schon im ersten Jahr konnten die laufenden Kosten durch Einnahmen und Zu­schüsse gedeckt werden.

Startförderung erhielt das gemeinnützige Unternehmen vom Integrationsamt des Landeswohlfahrtsverbandes Württemberg-Hohenzollern, der Aktion Mensch, der Stadt Friedrichshafen sowie von privaten Spendern und Sponsoren. Vor allem aber investierten die Gesellschaftervereine KBF und VSS erhebliche Eigen- und Fremdmittel in das Projekt und waren bereit, das wirtschaftliche Risiko dieser Unternehmensneugründung einzugehen.
Allen Förderern dieses Projekts sei hiermit nochmals ausdrücklich und herzlich gedankt! Die Belegschaft von CAP-Rotach setzt sich dafür ein, diesen attraktiven Urlaubsstandort nach Kräften weiter zu entwickeln und damit alle Arbeitsplätze dauerhaft zu sichern.

Heiner Bauer
Geschäftsführer der
CAP-Integrations-gGmbH

Artikel aus der Festschrift

Der Originalartikel aus der Festschrift:

CAP Chancen – Arbeit – Perspektiven